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© Foto von Michael Annecke
Die ehemalige Baracken-Siedlung für Obdachlose am Krekel.
Sich erinnern und neue Antworten finden

Obdachlosigkeit in Marburg - Perspektiven für Menschen ohne Wohnung

Von Christina Hey und Jürgen Rausch 

Auch wenn Obdachlosigkeit in Marburg nicht so auffällig ist wie etwa in Großstädten, kennen wir wohnungslose Menschen aus dem Marburger Straßenbild. Menschen, die vorübergehend in Marburg Station machen, aber auch Menschen, die sich dauerhaft in der Stadt aufhalten, ohne feste Bleibe. Und dann gibt es noch die Glücklicheren in dieser Gruppe, die zumindest ein Dach über dem Kopf haben, eingewiesen in die städtischen Obdachlosenwohnungen, zumeist im Marburger Stadtteil Waldtal. Menschen ohne Rechte als Mieter, oft zu zweit mit einer ihnen fremden Person in einer Wohnung untergebracht und lange Zeit auch ohne Perspektive, diesen Status zu überwinden.

Das städtische Wohnungsangebot für Obdachlose hat eine Geschichte. Bis in die 70-er Jahre, bis zum Bau der Stadtautobahn, war die Barackensiedlung am Krekel der Ort für obdachlose Familien. Leben in beengten Wohnverhältnissen, unter hygienischen Zumutungen, vom städtischen Umfeld stigmatisiert, mit Schuldzuschreibungen konfrontiert, kaum Perspektive auf eine gesicherte Zukunft, so sah das Leben für viele Bewohnerinnen und Bewohner des Krekel aus. 

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Leben und Spielen in den Baracken am Krekel

 

Probleme benennen - gemeinsam Lösungen finden 

In den 60er Jahren machten sich Studierende und engagierte Marburger Bürger*innen auf den Weg, der Perspektivlosigkeit ein Ende zu setzen. Bildung für die Kinder, Unterstützung der Eltern, Empowerment in Bewohnerversammlungen - gemeinsam machten die Menschen in der Siedlung und die Helferinnen und Helfer auf die Probleme aufmerksam und suchten nach Lösungen.

Eine weitere Ansammlung von Baracken befand sich auf dem Gelände der heutigen Stiftung St. Jakob in der Nähe des Hirsefeldsteges. Hier lebten vor allem alleinstehende Männer.

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Von den Wasserpumpen am Krekel holten die Menschen
bis zum Abriss der Baracken-Siedlung ihr Trinkwasser.

 

Mietverträge als ein erster Schritt

Mit dem Abriss der Siedlung am Krekel zugunsten des Baus der Autobahn Anfang der 70er Jahre wurden die Bewohnerinnen und Bewohner umgesiedelt, meist in das Waldtal und an den unteren Richtsberg. Und endlich verloren die Menschen ihren Status als Obdachlose und erhielten reguläre Mietverträge. Damit war ein wichtiger Schritt getan, auch wenn die Sorge um die alltägliche Existenzsicherung und die Zukunft der Kinder blieb. Folglich begleitete der mittlerweile als Verein gegründete Arbeitskreis Notunterkünfte die Menschen weiterhin, benannte sich in „Arbeitskreis Soziale Brennpunkte“ (AKSB) um und setzte seinen Arbeitsschwerpunkt im Waldtal. Die Begleitung der Menschen am Richtsberg übernahm die „Bürgerinitiative für soziale Fragen“ (BsF), die sich als Verein zu diesem Zweck konstituierte.

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Im Hintergrund die Baracken am Waldtal (Försterweg) nach 1945.
Heute befinden sich Studentische WGs in den Baracken.

 

Neuer Wohnraum im Waldtal 

Auch nach Abriss des Krekel stellte sich das Problem der Unterbringung von Menschen, die auf dem regulären Wohnungsmarkt keine Wohnung fanden bzw. ihre Wohnung auf Grund von Mietschulden oder unangepasstem Verhalten verloren. Dazu zählen auch Haftentlassene oder Menschen, die nicht mehr länger auf der Straße leben möchten. Für sie richtete die Stadt wieder sogenannte „Obdachlosenwohnungen“ ein, die meisten davon im Waldtal, da hier die Stadt über eigenen Wohnraum verfügte.

Hier fanden zum Teil auch Personen Unterkunft, die von der Wohnungsnotfallhilfe des Diakonischen Werks beraten und begleitet wurden. Seit Anfang der 90er Jahre unterstützt diese wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen. Mit ihrer Tagesanlauf- und ihrer Beratungsstelle leistet sie dabei akute Hilfe. Ergänzt wird das Angebot durch die städtische Notübernachtung. Für alleinstehende Männer bietet das Wohnheim der Hephata eine vorübergehende Unterkunft sowie eine Begleitung auf dem Weg aus der Obdachlosigkeit. Aus der Arbeit der Wohnungslosenhilfe heraus erwuchs das Interesse, Menschen intensiver begleiten zu können, adäquate Hilfsangebote zu erschließen und den Wohnungslosen letztendlich ein Leben in einem regulären Mietverhältnis zu ermöglichen.

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Städtische Obdachlosenunterkunft "Auf der Weide" in den 1970er Jahren

 

Lösungen für Konflikte 

Bereits Anfang der Nuller-Jahre beklagten Bürger*innen des Waldtals und soziale Organisationen den menschenunwürdigen Zustand der Obdachlosenwohnungen und die mangelnde Perspektive für die dort lebenden Menschen. Die Wohnungen waren marode und die Bewohnerinnen und Bewohner mussten sich mit einer ihnen fremden Person die Wohnung mit Küche und Nassbereich teilen. Konflikte waren damit vorprogrammiert. Außerdem blieben die Menschen über Jahre in dieser Unterbringung, da es kaum gelang, einen Weg in ein normales Mietverhältnis zu finden.

Konzept zur Wohnungslosigkeit 2014

2014 erarbeitete die Stadt Marburg in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren ein Konzept zur Wohnungslosigkeit, um obdachlosen Menschen adäquate Unterstützung zu bieten und ihnen Wege aus der Obdachlosigkeit zu eröffnen. Auf Initiative des AKSB und des Zentrums für Psychose und Sucht der Sozialen Hilfe Marburg wurde zunächst gemeinsam mit der Wohnungslosenhilfe der Diakonie unter Leitung der städtischen Verwaltung, hier Fachbereich Soziales, eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die es sich zur Aufgabe machte, auf Grundlage des Konzepts konkrete Maßnahmen zu erarbeiten. In der Gruppe arbeiten neben den genannten Organisationen auch Vertreter des Wohnheims der Hephata mit. Später wurde die Arbeitsgruppe durch die Wohnungsbaugesellschaften ergänzt. Im Mittelpunkt der Arbeit stand die Frage nach der Perspektive für Obdachlose.

Erst Probewohnen, dann Mietvertrag

Hier wurde nun das Konzept des Probewohnens entwickelt, um bei den Wohnungsbaugesellschaften Wohnraum für Obdachlose zu akquirieren. Seit 2018 stellen die Wohnungsbaugesellschaften Wohnungen für Obdachlose zur Verfügung, zunächst ein Jahr auf „Probe“. Nach einem Jahr wird das „Probewohnverhältnis“ in ein normales Mietverhältnis umgewandelt. Aktuell gibt es acht Probewohnungen, zwei reguläre Mietverhältnisse wurden geschlossen. Auch ein privater Vermieter hat sich dieser Initiative angeschlossen und eine Wohnung zur Verfügung gestellt.

Enge Zusammenarbeit zwischen Sozialarbeit und Wohnungsbaugesellschaften 

Die beste Maßnahme gegen Obdachlosigkeit ist die Prävention. Damit Menschen ihren Wohnraum behalten können und der Bedarf an Obdachlosenwohnungen nicht immer weiter steigt, wurde deshalb bereits 2000 auf Initiative der GeWoBau der Arbeitskreis Wohnraumsicherung ins Leben gerufen. Hier entstand eine enge Verzahnung zwischen Wohnungsbaugesellschaften und Sozialarbeit, um gefährdete Einzelpersonen und Familien beim Erhalt ihrer Wohnungen zu unterstützen und damit den Weg in die Obdachlosigkeit zu verhindern. Dadurch wurde das Problem der Wohnungsnotfälle erheblich reduziert.

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Wiener-Vinzi-Häuser zeigten im Rahmen von "Marburg erfinden" bereits Perspektiven auf.

Problem "Mangelnder Wohnraum"

Trotz all dieser Initiativen bleiben Probleme offen. Ein grundsätzliches Problem ist sicher der mangelnde Wohnraum in Marburg. Erst in den letzten 5–10 Jahren wurde wieder in den sozialen Wohnungsbau investiert. Damit bleibt die Wohnungssuche in Marburg schwierig. So hat etwa das Frauenhaus Marburg zwei Wohnungen angemietet, um Frauen den Weg aus dem Frauenhaus trotz engem Wohnungsmarkt zu ermöglichen.

Immer noch offen ist die Raumfrage für die Wohnungslosenhilfe der Diakonie. Hier scheitert die Umsetzung zukunftsweisender Konzepte zur Überwindung von Obdachlosigkeit an der räumlichen Situation. Obwohl das Problem bereits in dem städtischen Konzept von 2014 erkannt ist, wurde bis heute keine Lösung gefunden.

 

Obdachlosigkeit, ein Thema der Stadtgesellschaft

Da nicht davon auszugehen ist, dass trotz aller bisherigen Überlegungen und Anstrengungen Obdachlosigkeit auf Dauer zu vermeiden ist, bleibt auch die Frage nach einer zukünftigen menschengerechten Form des Wohnens für Obdachlose, die auch die unterschiedlichen Bedürfnisse von Männern und Frauen berücksichtigt. Im Rahmen des Stadtjubiläums stehen das Thema und Perspektiven gemäß des Jubiläumsschwerpunktes "Marburg erfinden" ganz oben auf der Tagesordnung.

An Antworten auf diese Fragen arbeiten soziale Träger, Wohnungsbaugesellschaften, die städtische Verwaltung und nicht zuletzt die Marburger Politik zusammen. Dass „Obdachlosigkeit“ und deren Überwindung auch ein Thema in der Stadtgesellschaft ist, zeigen die Initiativen im Rahmen des Stadtjubiläums Marburg 800.

  • In einer Stadtschrift im Rathaus-Verlag zur ehemaligen Obdachlosensiedlung am Krekel sollen die Erinnerungen an das damalige Leben vor dem Vergessen geschützt werden, aber auch die Perspektiven benannt werden.
  • Unter dem Titel „Elisabeth hat (k)ein Bett“ gibt die Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes Marburg-Biedenkopf mit verschiedenen Aktionen Einblicke in die heutige Lebenswelt obdach- und wohnungsloser Menschen in Marburg.
  • Um Lösungen zu (er-)finden, referierte im Rahmen des Jubiläums-Themenbereichs „Marburg erfinden“ der Wiener Architekt und internationale Spezialist für Soziales Bauen, Alexander Hagner im Januar 2021 über die Vinzidorf-Projekte in Wien und Graz. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft GeWoBau und der Fachbereich Soziales und Wohnen der Stadt Marburg werden im Jubiläumsjahr 2022 einen Workshop und weitere Aktivitäten zur Vorbereitung einer vergleichbaren Einrichtung in Marburg auf die Beine stellen.
  • Und es wird auch bereits konkret geholfen. Die Marburger Familie Luttrop baut Tinyhouses für obdachlose Frauen.

 

Literaturnachweis

Annecke, Michael: „Krekel — bis in die 70er-Jahre Ort für Obdachlose“

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Christina Hey

Ehemalige Geschäftsführerin des Arbeitskreises Soziale Brennpunkte Hessen und Mitglied in der Steuerungsgruppe Kooperative Sozialplanung der Universitätsstadt Marburg.

 

 

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Jürgen Rausch

Geschäftsführer der GeWoBau Marburg GmbH und der Stadtentwicklungsgesellschaft Marburg mbH.

Bis 2017 Leiter des Fachbereichs Planen, Bauen, Umwelt der Universitätsstadt Marburg

Studium des Bauingenieurwesens an der TU Darmstadt mit den Schwerpunkten Umwelt- und Raumplanung, Wasserwirtschaft, Verkehrsplanung.

© Januar 2022 - marburg800