Das 13. Jahrhundert in Marburg

Das 13. Jahrhundert in Marburg
Die Elisabethkirche wurde im 13. Jahrhundert errichtet.

Von Ulrich Klein 

Das 13. Jahrhundert ist in Marburg eine Zeit der Umbrüche auf unterschiedlichen Ebenen, denn in diesem Zeitraum wechselte die politische Herrschaft, die Siedlung entwickelte sich endgültig zur Stadt mit zunehmender Selbstverwaltung, es entstanden neue religiöse Impulse mit der Verehrung einer eigenen Heiligen und auf der anderen Seite erreichte die materielle Kultur ein bislang unbekanntes Ausmaß mit umfangreicher Verbreitung.

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts waren die Thüringer Landgrafen die Marburger Stadtherren, deren Burg hoch oben über der Stadt thronte und diese seit Generationen beherrschte. In einer Zeit, in der sich erst langsam zusammenhängende Territorien entwickelten, besaßen diese neben ihren bereits verdichteten Herrschaftsbereichen im westlichen und nördlichen Thüringen auch ausgedehnten Streubesitz im Westen, der bis zum Rhein reichte. Dies führte dazu, dass - da feste Residenzen noch nicht üblich waren und die Herrscher ihre Aufenthaltsorte häufig wechselten - auch in Marburg gelegentlich mit der Anwesenheit des hier sonst von einem Vogt vertretenen Herrschers gerechnet werden konnte. Dies war zum Beispiel im Jahre 1222 mit Ludwig IV. der Fall. Die Landesherrscher kannten daher ihre Besitzungen recht genau und waren bemüht, diese auszubauen, was in Marburg unter anderem auf die Ausdehnung der Ummauerung und den Bau einer neuen steinernen Brücke zutraf.


Daneben waren die Thüringer Landgrafen aber auch in der Reichspolitik engagiert und standen damals im Ruf, besonders oft in ihrem jeweils eigenen Interesse die Seite zu wechseln. Dies führte immerhin dazu, dass schließlich im Mai 1246 Landgraf Heinrich Raspe die höchste Würde erreichen konnte: Er wurde deutscher (Gegen-)König. Seine Wahl stand zwar unter dem Makel, vor allem von der päpstlichen Partei vorangetrieben worden zu sein, und die meiste Zeit seiner kurzen Amtszeit verbrachte er recht isoliert auf der Wartburg, aber immerhin: Wir waren König, auch wenn die Marburger Bürgerinnen und Bürger ihren König nie zu Gesicht bekommen sollten!
Allerdings lag ein weiterer Schatten auf dem Königtum von Heinrich Raspe, und dies war die dynastische Nachfolge: Als der König am 16. Februar 1247 völlig überraschend starb, waren mit ihm die Thüringer Landgrafen in männlicher Linie ausgestorben. Da dies bereits länger vorherzusehen war, hatte man insofern vorgesorgt, als mit den Wettinern weiter östlich in Sachsen, zu denen enge verwandtschaftliche Beziehungen bestanden, bereits Nachfolgeregelungen ausgemacht waren. Danach sollte der gesamte thüringische Besitz beim Aussterben der Ludowinger an die Wettiner gehen.

In dieser Situation trat nun Sophie, die älteste Tochter des bereits 1227 auf dem Kreuzzug gestorbenen Landgrafen Ludwig IV., auf den Plan: Sie forderte trotz der anders lautenden Regelungen das Thüringer Erbe für ihren damals erst dreijährigen Sohn Heinrich. Wenn auch die Huldigungsszene für den kleinen Heinrich auf dem Marburger Marktplatz 1248 erfunden sein mag, war sie in ihrem symbolischen Gehalt doch gut erfunden. Den nötigen Nachdruck verlieh der Forderung Sophies allerdings ihr Ehemann und Heinrichs Vater, der mächtige Herzog Heinrich II. von Brabant. Nach dem nun mit wechselndem Kriegsglück geführten Erbfolgekrieg bestimmten im September 1263 die Langsdorfer Verträge die Abtretung Hessens von Thüringen und die Erhebung zur eigenen Grafschaft unter Heinrich I.
Marburg, das Hessen-Brabant dabei treu zur Seite gestanden hatte, profitierte davon durch weitere Zugeständnisse in der Selbstverwaltung und wurde bis 1277 Residenz von Heinrich. Danach zog dieser allerdings nach Kassel um. Erst um 1300 kehrte er für seine letzten Regierungsjahre nach Marburg zurück, das jetzt immer wieder neben Kassel auch Residenzort war.

Illustration: Vitali Konstantinov

Die Entwicklung Marburgs von einer Marktsiedlung zu einer Residenzstadt hatte schon viel früher im 12. Jahrhundert begonnen und wurde nun im 13. Jahrhundert vollendet. Nachdem eine erste Stadtmauer als wichtiges Element einer solchen Entwicklung bereits ab etwa 1180 angelegt worden war, folgten nun ab etwa 1230 neue Ummauerungen der Erweiterungen nach Westen und nach 1260 im Norden, durch die sich die Fläche der Stadt mehr als verdoppelte. Parallel entwickelten sich wohl auf der Grundlage eines nicht überlieferten ältesten Stadtrechtes aus der Zeit der Jahrhundertmitte städtische Institutionen der kommunalen Selbstverwaltung, die mit einem 1284 genannten Bürgermeister und dem 1288 erstmals genannten Rat fassbar werden. Auch die in der zweiten Jahrhunderthälfte von der Stadt abgeschlossenen Verträge sind Ausdruck der gewachsenen Selbständigkeit der Gemeinde.

Bereits im frühen 13. Jahrhundert gab es wichtige Entwicklungen im Bereich der Kirche. Während bislang die offizielle Kirche von den einfachen Menschen noch weit entfernt und die Klöster eine Angelegenheit ausschließlich des Adels waren, entwickelte sich damals ausgehend von Italien eine neue Bewegung um Franz von Assisi, die Armut der Kirche und dabei Zugewandtheit zu den einfachen Leuten predigte. Die Amtskirche war sehr beunruhigt über den Erfolg dieser Bewegung. Um die Kontrolle zu behalten, ließ sie aber bereits 1220 einen neuen franziskanischen Mönchsorden zu, und acht Jahre später wurde dann auch Franziskus heiliggesprochen.

Niemand in Marburg konnte anfangs ahnen, dass auch die Landgräfin Elisabeth, Tochter des Königs von Ungarn und seit 1221 Ehefrau Landgraf Ludwigs IV., mit dem sie drei Kinder hatte, darunter die bereits erwähnte Sophie, große Sympathien für die neue Bewegung hegte. Sie wurde dabei durchaus von ihrem Mann unterstützt, und gemeinsam gründeten sie zum Beispiel ein Hospital für die Armen in Eisenach. Nach dem Tod Ludwigs im September 1227 sah sich Elisabeth den Anfeindungen ihrer Verwandten ausgesetzt und verließ mit ihrem Beichtprediger Konrad von Marburg die Wartburg, um auf ihren Marburger Witwengütern nördlich der Stadt ein Hospital zu gründen. Dieses im Herbst 1228 fertiggestellte Hospital wurde folgerichtig dem gerade erst heiliggesprochenen Franz von Assisi geweiht. Es erwies sich als großer Erfolg, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass die Fürstin selbst hier mehr als nur symbolisch tätig war und sich persönlich um die Armen und Kranken kümmerte. Bereits im November 1231 starb Elisabeth durch diese aufopfernde Tätigkeit und wurde in der Kapelle des Franziskushospitals beigesetzt. Auf der Grundlage der zahlreichen Wundergeschichten, die sich um sie rankten, arbeitete Konrad beim Papst auf ihre schnelle Heiligsprechung hin, die bereits im Mai 1235 erfolgte. Inzwischen suchten immer mehr Gläubige den Ort der vielen Wunder auf, woraus sich eine jahrzehntelange intensive Wallfahrt nach Marburg entwickeln sollte.

Illustration: Vitali Konstantinov

Auch die landgräfliche Verwandtschaft war zwischenzeitlich aktiv geworden, hatte Franziskaner und Johanniter, die als Ritterorden Elisabeth unterstützt hatten, verdrängt und stattdessen den Ort 1234 an den Deutschen Ritterorden übergeben. Dieser begann bereits im folgenden Jahr mit dem Bau der Elisabethkirche, in deren Nordkonche die Hospitalkapelle und das Grab von Elisabeth integriert wurden. Durch die Mittel, die die anhaltenden Wallfahrten einbrachten, konnte diese Kirche in gut einhundert Jahren vollendet werden, und mit dem Deutschen Orden, der nun auch die Priester an den Marburger Kirchen stellte, entstand ein wesentlicher Macht- und Wirtschaftsfaktor unmittelbar vor den Toren der Stadt.

Parallel zu dieser Entwicklung zur Residenzstadt und einem religiösen Zentrum kam es auch zu neuen Entwicklungen hinsichtlich der materiellen Kultur. Ältere Marburger, die das Angebot auf dem Markt noch aus dem letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts kannten, müssen sich verwundert die Augen gerieben haben, wenn sie um 1230 oder um 1260 über den Markt gingen: An die Stelle der nützlichen und lebensnotwendigen, aber praktisch doch seit nicht nur gefühlten Jahrhunderten immer gleichen Waren war inzwischen eine Vielfalt des Angebotes getreten, die bisher nur die Fürstenhöfe gekannt hatten. Verbesserte Einkommensverhältnisse sorgten nun dafür, dass zumindest in den bürgerlichen Haushalten eine bislang ungekannte Vielfalt der Waren einzog. Bis zum Ende des Jahrhunderts, zeitweise allerdings durch kriegerische Auseinandersetzungen und Ereignisse wie den Stadtbrand wieder zurückgeworfen, sollte sich dies als Tendenz kontinuierlich weiterentwickeln, bis um 1300, als die Stadt mit einer circa 3.500 Menschen umfassenden Einwohnerschaft eine dann erst im ausgehenden 15. Jahrhundert wieder erreichte Größe erlangt hatte, auch eine bis dahin unvorstellbare Vielfalt der materiellen Kultur eingezogen war.

Als Fazit kann man festhalten, dass Marburg im 13. Jahrhundert – trotz des Stadtbrandes von 1261 – eine durchaus gute Entwicklung genommen hatte. Die neue Herrschaft durch die Grafen, seit 1277 Landgrafen von Hessen, die seit 1292 auch Reichsfürsten waren, hatte sich als Vorteil für die Stadt herausgestellt, die in den Erbauseinandersetzungen mit den Wettinern zu ihren neuen Stadtherren gehalten hatte. Die Belohnung bestand aus einem ersten – leider nicht überlieferten – Stadtrecht, das die Rechte der Bürger und Bürgerinnen und den Umgang untereinander regelte. Nach den neuen Erweiterungen im Westen und Norden gehörte Marburg seit der zweiten Jahrhunderthälfte zu den Mittelstädten und nahm neben Kassel Residenzfunktionen in dem immer mehr zusammenwachsenden hessischen Territorium ein. Die Stadt bot seinen Bürgerinnen und Bürgern einen deutlich gewachsenen Wohlstand, an dem neben den Patriziern auch die anderen Gruppen in der Stadt wie die zu Zünften zusammengeschlossenen Handwerker Anteil haben wollten. Noch war nicht zu ahnen, dass viele der Errungenschaften im nächsten Jahrhundert wieder verloren gehen würden.

1222

Der Chronist des Hausklosters Reinhardsbrunn der Thüringer Landgrafen berichtet zum 28. März 1222, dass Landgraf Ludwig IV. von Thüringen die Bürger seiner Stadt Marburg in der größeren Kirche zu einer Gerichtsverhandlung um sich versammelt hatte, als ihm dort ein Bote die Nachricht von der Geburt seines Sohnes Hermanns überbrachte.
Diese erste überlieferte Erwähnung der Stadt („civitas“) und ihrer Bürger („burgenses“) ist der Anlass für die Feier des 800-jährigen Stadtjubiläums im Jahre 2022.

 

Ludowinger

Die nach ihrem häufig verwendeten Leitnamen als „Ludowinger“ bezeichneten Landgrafen von Thüringen und Herren von Hessen stammen ursprünglich aus Franken und haben von dort aus seit dem 11. Jahrhundert ihr Territorium in Thüringen aufgebaut. 1080 wird die Wartburg als neuer Mittelpunkt dieser Besitzungen erwähnt, 1085 dann das Kloster Reinhardsbrunn als zukünftiges Hauskloster gegründet.
Im Laufe des 12. Jahrhunderts konnten die Besitzungen nach Westen bis an den Rhein ausgedehnt werden, dazu gehörte auch ein neuer Schwerpunkt in Hessen um Gudensberg und Marburg. Soweit es personell möglich war, trug der jeweils Zweitgeborene mit dem Beinamen „Raspe“ den Titel eines „Grafen von Gudensberg“ oder „Herren von Hessen“ und war speziell für diesen Herrschaftsbereich zuständig.
Wie in vielen damaligen Adelsfamilien zeichnete sich auch bei den Ludowingern in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zunehmend das Problem des nicht ausreichenden dynastischen Nachwuchses ab, verschärft durch den Tod von Ludwig IV. auf dem Kreuzzug 1227. Dadurch war vorgegeben, dass das Geschlecht mit dem kinderlosen (Gegen-)König Heinrich Raspe 1247 ausstarb.

 

Kinder Elisabeths

Elisabeth (1207-1231), die Tochter des ungarischen Königs Andreas II. und Gertrud von Andechs, war im Jahre 1221 mit Landgraf Ludwig IV. (1200-1227) verheiratet worden. Die beiden hatten drei Kinder, Hermann (1222-1241), Sophie (1224-1275) und Gertrud (1227-1297). Der als Stammhalter der Familie vorgesehene Hermann II., der unter der Vormundschaft seines Onkels Heinrich Raspe 1227 mit fünf Jahren Nachfolger seines Vaters geworden war, agierte seit 1234 als Graf von Gudensberg und dann ab 1238 als Landgraf von Thüringen; sein früher Tode drei Jahre später verhinderte eine größere politische Wirksamkeit.
Die Tochter Sophie hatte dagegen um 1240 den mächtigen Herzog Heinrich II. von Brabant (1207-1248) geheiratet, der durch die Hochzeit seiner Tochter 1241 zugleich der Schwiegervater von Heinrich Raspe wurde. Mit seiner Unterstützung erhob Sophie nach Heinrich Raspes Tod Anspruch auf das ludowingische Erbe und konnte schließlich für ihren Sohn Heinrich I. (1244-1308) das abgespaltene Hessen als eigene Grafschaft erstreiten.
Die andere Tochter Gertrud war bereits mit zwei Jahren in die Obhut der Praemonstratenserinnen des Klosters Altenberg bei Wetzlar gegeben worden, wo sie 1248 zur Äbtissin aufstieg und nach ihrem Tod selig gesprochen wurde.
 
Literatur:
Dähne, Eberhard (u.a.): Marburg. Eine illustrierte Stadtgeschichte, Marburg 1985
Dettmering, Erhart: Kleine Marburger Stadtgeschichte, Regensburg 2007
Strickhausen, Gerd: Zur Entwicklung der Marburger Altstadt im Hochmittelalter. In: Der Marburger Markt. 800 Jahre Geschichte über und unter dem Pflaster. Festschrift zur Fertigstellung der Neugestaltung des Marburger Marktplatzes (Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur 59), Marburg 1997, S. 11–34.
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