Wie die Uni seit 495 Jahren die Stadt prägt

Marburg — Universitätsstadt als kultureller Raum

Marburg — Universitätsstadt als kultureller Raum
Stadtplan von 1750

Von Willem Frijhoff

Wegen ihrer recht beschränkten lokalen Wirtschaftskraft hat die Stadt Marburg stets nur geringe Einnahmen für die Unterhaltung und Entwicklung der städtischen Infrastruktur und der kommunalen Dienstleistungen gehabt. Die Universität war dagegen immer ein Antriebsmotor. Sie sorgte für ihr öffentliches Image und wurde schnell ihre raison d’être. Seit der frühen Neuzeit war und blieb daher Marburg in seiner Selbstwahrnehmung und auch durch Dritte immer eine Universitätsstadt, deren Existenz und tatsächliches Überleben grundsätzlich von dem Zulauf der Studenten und ihren Ausgaben, nicht zuletzt aber auch von den Einnahmen abhing, die durch die zunehmende Infrastruktur der Universität und die praktischen Anwendungen der Wissenschaft geschaffen wurden.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, als die rasante Entwicklung der Industrie der Motor von Deutschlands Wohlstand und seiner zunehmenden Hegemonie in Europa wurde, ging dies in Marburg so weit, dass man die Errichtung von größeren Industrieanlagen im Stadtgebiet sogar ablehnte. Für den Stadtrat sollte die lokale Wirtschaft von ihren Leistungen für die Universität im engeren und weiteren Sinne abhängig bleiben. Stadt und Universität waren aufeinander angewiesen, und beide haben ständig ihre Politik und Tätigkeit aufeinander abgestimmt.

Privileg Kaiser KarlsV. für die Universität Marburg 1541


Diese enge Verbindung zwischen dem sozialen Leben in der Stadt und der Universität ist von vielen Besuchern bemerkt und wiederholt von Vertretern der Marburger Bevölkerung selbst dargestellt worden. So formulierte z. B. Ernst Koch den Unterschied zwischen Göttingen und Marburg in seinem Roman Prinz Rosa Stramin (1834): „Göttingen hat eine Universität, Marburg ist eine Universität, weil alles vom Vizerektor bis zum Stiefelknecht der Universität gehört“.

Stadtbildprägend I: Alte Uni Foto: Georg Kronenberg

Eine weitere wichtige Eigenschaft von Marburg, die auch spezifisch ist durch die enge Verbindung von Universität und Stadt, ist ihr Charakter als eine Stadt der Passage, des Durchgangs, der, aus dem Blickwinkel des kulturellen Raumes, Marburg zu einem speziellen Raum moderner Urbanität werden lässt: Studierende kommen und gehen, viele Professoren verbringen nur einen Teil ihrer Karriere in der Stadt, aber die kulturellen Eigenschaften und Werte, die sie mitbringen, zirkulieren hier als zeitweilige Bereicherungen des sozialen Lebens in der Stadt. 

Viele haben den Burgwald im Norden von Marburg eine Märchenlandschaft genannt, und dasselbe gilt auch für den verträumten Fluss Lahn innerhalb der Stadt. Kein Wunder also, dass die Brüder Grimm, die in Marburg zwischen 1802–1806 studierten, dort die Idee entwickelten, populäre Märchen unter der Bevölkerung als Basis eines neuen Konzepts der Volksliteratur zu sammeln. Ihre erste Sammlung Kinder- und Hausmärchen wurde 1812 veröffentlicht. Marburg hat sich des Vermächtnisses der Brüder Grimm besonders angenommen. Die Märchen, die durch die Grimms in Hessen gesammelt wurden, werden in der Stadt visuell präsentiert und auf viele andere, teils spielerische Weisen jungen und alten Besuchern der Stadt als einer der kulturellen Schätze nahegebracht. Erlebnismöglichkeiten mit didaktischem Hintergrund für junge Leute, wie der Grimm-Dich-Pfad durch die Stadt, sind sehr beliebt und stärken die engen Verbindungen zwischen Universität und Stadt in ihrem kulturellen Raum. Dabei wäre diese Zusammenstellung der populären Märchen durch die Grimms undenkbar gewesen, wenn nicht die frühe Romantik durch die Marburger Gelehrten Eingang in die Geisteswissenschaften gefunden hätte …

Coverfoto der UNESCO-Bewerbungsschrift
Foto: Georg Kronenberg

Tatsächlich werden Besucherinnen und Besucher, die sich zum erstmals Marburg nähern, heute noch durch den schönen Anblick der Stadt in ihrer natürlichen Umgebung fasziniert. Sie wundern sich über das grüne Meer der Natur, das die Stadt als ein kleines Juwel umfängt und sie zur gleichen Zeit in ihrer natürlichen Umgebung als ein anthropogen entstandenes Werk erkennen lässt. Das Schloss der Landgrafen, das hoch über der alten Stadt aufragt, bildet metaphorisch die majestätische Krone der Stadt in ihrem gut bewahrten Erscheinungsbild, das auf den ersten Blick beherrscht wird durch das neugotische Gebäude der Alten Universität. Als sich im 19. Jahrhundert preußische Behörden dafür entschieden, die mittelalterlichen Gebäude des Klosters der Dominikaner durch einen Neubau zu ersetzen, entschieden sie durch die Wahl des Universitätsarchitekten Carl Schäfer, hier nicht einen neuen architektonischen Stil anzuwenden, sondern die architektonische Sprache der vorhandenen Gebäude weiterzuentwickeln. Das erwies sich als eine glückliche Entscheidung, weil die traditionelle Vereinigung von Stadt und Universität bewahrt blieb. Aber es war auch ein klarer Beweis des Bewusstseins der Behörden dafür, dass die Universität harmonisch in das städtische Umfeld integriert bleiben sollte.

Stadtbildprägend II: Studierende an der Mensa Erlenring.
Foto: Georg Kronenberg

Heute muss man feststellen, dass im Panorama der Stadt Marburg die herausragenden Bauten, die die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich lenken oder die jahrhundertealte Skyline der Stadt überragen, Universitätsgebäude sind: Das Schloss ist ein Universitätsmuseum, die Alte Universität ist der unvermeidliche Blickfang der Oberstadt, sogar die astronomische Sternwarte über dem Physikalischen Institut beherrscht das Panorama von Marburg. Die Elisabethkirche ist heute nicht ohne den umgebenden Kliniksbezirk denkbar, der sie mit immer wieder erneuerten, neu entworfenen und wieder aufgebauten Gebäuden umgibt. In Marburg wird deutlich, wie die Universität die Metaphern und Symbole der Autorität der Kirche und des Staates übernommen hat. In seiner öffentlichen und offiziellen Selbstdarstellung ist Marburg stolz darauf, eine Universitätsstadt zu sein. Dieses Gutachten kann die Legitimität dieses Anspruchs nur unterstreichen: Marburg ist in der Tat in seiner ganzen Integrität und seiner historischen Authentizität eine Universitätsstadt in des Wortes vollster Bedeutung. 

Prof. em. Dr. Dr. hc. Willem Frijhoff

(Jg. 1942), niederländischer Kulturhistoriker, Erasmus Universität / Freie Universität (VU) Amsterdam, hat 2012 das Gutachten zur Bewerbung Marburgs für die UNESCO-Welterbeliste geschrieben. Der vorliegende Text ist das Schlusskapitel. Die UNESCO-Bewerbung zusammen mit Tübingen war auf Bundeslands-Ebene, nicht jedoch auf nationaler Ebene erfolgreich.

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