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Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben? Darum geht es in der Marburg erfinden-Reihe "Marburg800 weiter denken".

Zukunftsreihe "Marburg800 weiter denken" behandelt Themen von sozialer Stadt bis Städteplanung
Am 2.10. öffentliche Diskussion der Stadt mit renommiertem Soziologen über „Das Integrationsparadox“

Wie wollen wir die Zukunft denken und gestalten? Darum geht es auf dem Weg zum Stadtjubiläum 2022 mit der Reihe "Marburg800 weiter denken" rund um Zukunftsfragen und -perspektiven. Die Palette der Themen von „Marburg800 weiter denken“ reicht vor dem Hintergrund einer 800-jährigen Geschichte als Stadt von sozialen Themen über Digitalisierung bis zur Frage, wie wir uns ernähren wollen oder zur Zukunft nach Corona. Denn, so die Idee des Stadtjubiläums, Marburg ist schon immer eine Stadt der Welt- und Gesellschaftsdeutungen mit praktisch orientierter Anwendung. Für diese lange Tradition steht nicht zuletzt das Wirken der Heiligen Elisabeth. Zu Vortrag und einer - auch mit Ausländerbeirat und der Stadt besetzten Diskussion über die „Zukunft der Integration“ lädt Marburg800 für Sonntag, 2. Oktober, ab 17 Uhr ins Erwin-Piscator-Haus alle Interessierten ein.

Diskussion und Vortrag über Zukunft der Integration am 2. Oktober

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani diskutiert mit Vertreter*innen von Stadt und Ausländerbeirat über Zukunft der Integration.

Für die Veranstaltung am Vorabend des Tags der kulturellen Vielfalt in Marburg hat das Stadtjubiläum für die Reihe "Marburg800 weiter denken" den bundesweit bekannten Osnabrücker Soziologen und Experten Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani gewonnen.

Der Eintritt ist frei. El-Mafaalani ist Inhaber des Lehrstuhls für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien der Uni Osnabrück. Bekannt wurde er durch seine positive Diagnose „Das Integrationsparadox“.

Im Anschluss an den Vortrag von El Mafaalani, der per Livestream dabei sein wird, diskutieren im Erwin-Piscator-Haus im Rahmen der Zukunftsreihe „Marburg800 weiter denken“ Sylvie Cloutier, Vorsitzende des Marburger Ausländerbeirats, Xiaotian Tang, Marburgs Integrationsbeauftragte, sowie Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies mit dem zugeschalteten Aladin El-Mafaalani. Zuletzt hat El-Mafaalani zudem zu den Themen „Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft“ sowie „Wozu Rassismus?“ publiziert.

Die Moderation zum Jubiläumsschwerpunkt „Marburg erfinden“ übernimmt Dr. Nkechi Madubuko, in Marburg aufgewachsen und Expertin in Fragen Integration, Rassismus und Erziehung. Die Veranstaltung eröffnet zugleich auch das Programm zum „Tag der kulturellen Vielfalt“, das am 3. Oktober zu einer großen Kulturmeile auf die Biegenstraße einlädt. Der Eintritt ist frei. (Foto: Mirsa Odabasi)

 

Rückblick: Stadtforscherin spricht über „Vermittelstädterung“ 

Am 4. Mai kam die renommierte Stadtforscherin Prof. Dr. Brigitta Schmidt-Lauber nach Marburg um einen Vortrag zur Zukunftsreihe von Marburg800 beizusteuern. Im Erwin-Piscator-Haus erwartete die Besuchere*innen ein Vortrag zum Thema „Vermittelstädterung?! Lebensqualität jenseits der Metropolen“ mit anschließender Diskussion.

Prof. Dr. Brigitta Schmidt-Lauber im Gespräch mit Oberbürger Dr. Thomas Spies und Claus-Marco Dietrich
Prof. Dr. Brigitta Schmidt-Lauber im Gespräch mit Oberbürgermeister
Dr. Thomas Spies und Claus-Marco Dietrich, Geschäftsführer der
Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft.
Foto: Monika Bunk

Bieten Mittelstädte wie Marburg ein tragfähiges Konzept für die Zukunft mitteleuropäischer (Stadt)Landschaften? Vereinen sie die Vorteile umfassender Versorgungsangebote von Metropolen mit der Übersichtlichkeit, Unmittelbarkeit und dem Freizeitwert von ländlichen Räumen? Wie müssen sich Mittelstädte weiterentwickeln, damit sie den künftigen infrastrukturellen, demografischen und ökologischen Bedürfnissen begegnen können? Und welche Rolle spielt dabei eine aktive, kritische und offene Stadtgesellschaft? Diese Fragen und mögliche Antworten darauf waren Thema der Veranstaltung. 


Rückblick: Stadtplaner Jan Gehl zu Gast in Marburg

New York, Shanghai, Melbourne, Moskau - „and now Marburg“. Mit diesen Worten begrüßte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies vor mehr als 100 Gästen im nach 3G-Regeln gefüllten KFZ den international bekannten Stadtplaner Jan Gehl als den Mann, der bedeutende Städte grundlegend umgestaltet hat. „Den Menschen an die erste Stelle der Stadtplanung setzen“, beschrieb der 85-jährige Gehl in Marburg dabei sein „Cities for People“-Konzept.

Für die Zukunftsreihe „Marburg800 weiter denken“ hatte das Stadtjubiläum den Architekten und mehrfachen Ehrendoktor für einen dreitägigen Besuch in Marburg zum Jubiläumsschwerpunkt „Marburg erfinden“ gewinnen können. Den Abend und Vortrag eines gut aufgelegten Referenten im KFZ verfolgten zusätzlich im Livestream noch einmal 60 Menschen.  Die Aufzeichnungen der Veranstaltungen mit Jan Gehl finden Sie auf www.yve.tv/marburg800

Im nach 3G-Regeln gefüllten KFZ beantworteten Jan Gehl (2. v. l.) und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (3. v. l.) Fragen aus dem Publikum vor Ort und aus dem Livestream-Chat. Links Moderatorin Monika Bunk („Marburg erfinden“), rechts Manuela Klug, Fachdienstleiterin Stadtplanung.

Drei Tage war Stadtplaner Jan Gehl (3. v. l.) in Marburg zu Gast.
Hier bei einem Rundgang mit (v. l.) GeWoBau-Geschäftsführer Jürgen Rausch,
OB Dr. Thomas Spies und Manuela Klug, Leiterin der Stadtplanung.
Foto: Monika Bunk

Bei seiner Begrüßung nahm Spies gleich auf die Ideen des renommierten Gastes Bezug, der den Begriff von der Stadtplanung nach „menschlichem Maßstab“ („human scale“) weltweit geprägt hat. Darauf gelte es sich zu konzentrieren, so Spies. Es gehe um Plätze, an denen Menschen sich willkommen und wohl fühlen, und zugleich darum, zu fragen, wo sie Unbehagen spüren, um dies zu verändern. „Gute Städte für das 21. Jahrhundert sind Städte, in denen Menschen ein glückliches Leben führen“, betonte Gehl. Was sich zunächst selbstverständlich anhört, beschreibt ein grundlegendes Umdenken in der Städteplanung, für das der Autor zahlreicher Bücher mit seiner Arbeit seit 60 Jahren in Theorie und Praxis steht.

Marburgs prominenter Gast aus Dänemark erklärte das mit einem geschichtlichen Exkurs. Während historische Städte noch aus der „Ich-Perspektive“, für den Menschen als laufendes und soziales Wesen geplant worden seien, das sich für andere interessiert, sei dieses Planungsmodell mit dem Modernismus seit den 20er/30er-Jahren und der „Autoinvasion“ der 60er-Jahre über Bord geworfen worden. „Die Stadt sollte nun eine effektive Maschine sein statt eine Stadt der Räume für die Menschen“, erinnerte Gehl.

„Der Fokus hat sich verschoben und richtete sich nur auf Objekte und die Mobilität, die dazu dienen zu schlafen, zur Arbeit zu gehen und zurück“, erklärte der Stadtplaner. Die Räume zwischen den Gebäuden, die Treffpunkte, waren keine Grundlage der Planung mehr - obwohl seit Jahrhunderten bewährt. „Was passiert mit den Kindern, was, wenn Du alt wirst, wo gehst Du hin, wenn Du anderen Menschen spontan begegnen willst“, all das habe damit keine Rolle mehr gespielt. „Das soziale Leben wurde vergessen“, skizzierte es Gehl.

"Den Menschen an erste Stelle der Stadtplanung setzen"

„Aber es geht genau darum zu fragen, wie wir besser für die Menschen sorgen können. Die Stadtplanung müsse ihnen zeigen, dass sie willkommen sind, sie zum Bleiben und Verweilen einladen.“ Gehl plädierte für nachhaltige, gesunde, lebenswerte und menschenfreundliche Städte, in denen es sich gut alt werden lässt. Dafür müsse die Stadtplanung Lösungen anbieten.

Jan Gehl im Gespräch mit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies Foto: Georg Kronenberg

Jan Gehl im Gespräch mit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies
Foto: Georg Kronenberg

Weiter betonte Gehl, dass in den letzten 50 Jahren der Stadtplanung alles dafür getan worden sei, „die Autos glücklich zu machen, nicht die Menschen“. „Eine Tonne Stahl auf vier Gummireifen für jeden Menschen“ - das sei in dichten Städten keine gute Idee, so der erfahrene Planer. Zumal die Autos zu 90 Prozent stünden und sich nicht bewegten. „Dafür gibt es in den Städten keinen Platz, viel mehr brauchen wir geteilte Nutzung“, erklärte er.

Gehl ist emeritierter Professor für Städtebau an der Royal Danish Academy of Fine Arts und Autor zahlreicher Bücher zur Stadtplanung. Mit Gehl Architects hat er selbst Städte wie London, Melbourne, Sydney, Amman, New York und Moskau nach dem Konzept „Cities für People“ fußgänger- und radfreundlich umgestaltet sowie Räume zum Aufenthalt geschaffen, etwa am Wasser. Nachdem der Anfang in Kopenhagen gemacht war, stand das Telefon vor internationalen Anfragen weltweit nicht mehr still. Gehl ist Ehrenmitglied von Architekturinstituten in Dänemark, England, Schottland, Irland, USA und Kanada sowie Ehrendoktor der Unis Edinburgh, Varna, Halifax und Toronto.

Alle Aufzeichnungen der Zukunftsreihe "Marburg800 weiter denken" im Archiv auf www.yve.tv/marburg800

"Zukunft nach Corona" mit Trendforscher Matthias Horx (auch in Englisch und Zusatzveranstaltung für Studierende)

"Häuser für die Unbehausten - Architektur für Obdachlose" mit dem internationalen Spezialisten für Soziales Bauen Alexander Hagner aus Wien

"Transformation und Beteiligung" von Prof. Dr. Patrizia Nanz im Rahmen einer Tagung des Landkreises, mit dem Marburg800 hier kooperierte, finden Sie auf www.flashlight.video/allianztagung-2021 

 

Alle Aufzeichnungen von Marburg800 weiter denken auf www.yve.tv/marburg800

"Städte für Menschen" mit Jan Gehl, in Deutsch und Englisch

"Zukunft nach Corona" mit Zukunftsforscher Matthias Horx

"Häuser für die Unbehausten - Architektur für Obdachlose" mit dem internationalen Spezialisten für Soziales Bauen Alexander Hagner aus Wien

"Transformation und Beteiligung" mit Prof. Dr. Patrizia Nanz im Rahmen einer Tagung des Landkreises, www.flashlight.video/allianztagung-2021

 

Gehl: Menschen einladen, zu laufen oder Rad zu fahren

Seine Devise: „Stellen Sie sicher, dass Sie die Menschen dazu einladen, zu laufen und Fahrrad zu fahren soweit das irgendwie möglich ist“, formulierte er es im KFZ. Dies sei auch gesundheitlich das beste Mittel gegen das „Sitz-Syndrom“ und eröffne völlig neue Möglichkeiten für Räume in der Stadt. Für Planer gelte „You get what you invite for“ („Sie bekommen, wozu Sie einladen“). Dazu gehörten zum Beispiel kurze Wege für Radfahrer oder sichere Kreuzungen, ÖPNV und Car-Sharing. „Meine Enkelin konnte im Alter von zwölf in Kopenhagen mit dem Rad überall sicher fahren“, erzählte Gehl. Es gehe nicht darum gegen Autos zu sein, sondern für die Menschen, dies sei die andere Seite der Medaille.

In der von Monika Bunk („Marburg erfinden“) anschließend moderierten Fragerunde des Publikums spitzte es der 85-jährige Stadtplaner in einer Antwort humorvoll zu: „Wir betreiben viel Recherche in jedem anderen Bereich, beschäftigen uns mit Walen oder mit dem Liebesleben von Elefanten, aber nicht mit unserem eigenen Leben.“ Publikumsbeiträge richteten den Fokus unter anderem auf das bergige Gelände Marburgs, auf Menschen im ländlichen Umfeld sowie auf die Frage nach möglichen Konflikten. In Sydney sei das Stadtoberhaupt nach der Umgestaltung viermal wiedergewählt worden. „Es geht darum, dass sich die Menschen in der Planung selbst wiedererkennen“, sagte Gehl.

Von Marburg hatte sich der Gast aus Dänemark bei einem Stadtrundgang und anschließender Fahrt im E-Bus Emil begleitet von Vertreter*innen der Stadt zuvor einen ersten Eindruck verschafft. Die Tour führte über Markt, Lutherischen Kirchhof, Oberstadtparkhaus, Alten Botanischen Garten, neue Unibibliothek, Waldtal, Spiegelslust, Uniklinik, Uni auf den Lahnbergen und Bauerbach bis zum Richtsberg. Die an Plätzen orientierte Altstadt habe ihn sehr beeindruckt. „Sie können sehr glücklich sein, dass diese nicht wie in anderen Städten zerstört wurde“, zeigte sich der Gast begeistert. Zugleich sei der Marburg-Besuch wie eine Zeitreise durch die Geschichte der Stadtplanung gewesen, etwa mit den Lahnbergen und dem Richtsberg, die für den Modernismus stünden oder mit der „Panoramastraße“ (Gehl: „ohne jedes Panorama“) und der Stadtautobahn, die sich an Autos orientierten. „Das würde man heute nicht mehr so machen“, so Gehl. Man sei an einem „Breaking Point“.

Mit Vertreter*innen der Stadt Marburg sammelte Jan Gehl Eindrücke bei einem Rundgang sowie bei einer anschließenden Fahrt im E-Bus Emil.
Mit Vertreter*innen der Stadt Marburg sammelte Jan Gehl Eindrücke bei einem Rundgang
sowie bei einer anschließenden Fahrt im E-Bus Emil.
Foto: Monika Bunk

Stadtrundgang und Austausch mit Studierenden

Seine Ideen hatte er am Vormittag schon mit rund 80 Studierenden und Vertreter*innen von Universitäten und Fachhochschulen wissenschaftlich diskutiert. Am Tag nach der Diskussionsveranstaltung im KFZ hatte das Stadtjubiläum Marburg800 dann Kommunalpolitiker*innen, Magistrat und Menschen aus stadtplanerischen Initiativen der Stadtgesellschaft zum persönlichen Austausch mit Gehl, Oberbürgermeister Spies, Stadtplanerin Manuela Klug sowie GeWoBau-Geschäftsführer Jürgen Rausch eingeladen. Zur Frage „Was er durch die vielen anregenden Ideen aus internationalen Städten für Marburg gelernt habe?“, antwortete Marburgs Rathauschef: Für ihn sei es klares Ziel die von Jan Gehl so anschaulich erklärten Prinzipien in der Marburger Stadtplanung umzusetzen.

Als Beispiel dafür nannte er den Beteiligungsprozess “Move35“ mit Strategien für die Verkehrsentwicklung, um  Marburg fußgängerfreundlicher und fahrradfreundlicher zu machen, aber auch um den Autoverkehr aus dem Umland in guter Weise in die Stadt zu kanalisieren. Weiter werde er überlegen, wie das Konzept der „Stadtplanung nach menschlichem Maßstab“ in die bauliche Entwicklung der Stadt einbezogen werden kann. Das gelte sowohl für Orte, an denen neue Dinge gebaut werden (wie die Planung am Hasenkopf mit reduziertem Autoverkehr), als auch für neue Ideen in bereits bestehender Bebauung.

Gespräch mit Politik und Initiativen

„Wir benötigen in Marburg zwar andere Lösungen als in Kopenhagen, allein aufgrund der Topographie, aber lebendig, nachhaltig, gesund und gut für die alten Menschen ist das, was wir auf jeden Fall haben wollen, der, menschliche Maßstab´ passt ausgezeichnet zum Geist der Stadt.“ Und Gehl fügte zum Abschied hinzu: „Lasst die Mentalität von vor 50 Jahren hinter euch. Ich wünsche euch das Beste für diese ungewöhnlich schöne Stadt."
 

Die Zukunftsreihe als Teil von "Marburg erfinden"

Wie wollen wir die Zukunft denken und gestalten? Darum geht es auf dem Weg zum Stadtjubiläum 2022 mit der neuen Veranstaltungsreihe rund um Zukunftsfragen und -perspektiven. Aufgrund von Corona sind auch für die Veranstaltungsreihe selbst flexible Lösungen und dynamische Planungen gefragt. Über Aktualisierungen informieren wir Sie hier.

 

Mit Unterstützung von:
Projektträger*in
Marburg erfinden Fachdienst Kultur, Marburg800
06421 201-4109
kultur@marburg-stadt.de
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© Foto von Georg Kronenberg
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© Foto von Monika Bunk
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© Januar 2022 - marburg800